11. – 11. Schuljahr

Andreas Nehring und Uwe Lüttgens

Die Tagungsmethode

Kommunikationskompetenz und Nature of Science Konzepte handlungs- und problemorientiert fördern

Fragt man in Chemiekursen nach den Schülervorstellungen über typische Tätigkeiten von Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftlern, wird u.a. das Experimentieren im Labor als eine häufig durchzuführende Aufgabe beschrieben. Prototypisch kann dabei die Idee eines allein arbeitenden Forschers im weißen Kittel auftauchen, der in seinem Labor wahlweise planend oder eher kreativ-chaotisch vorgehend neue Stoffe herstellt, die wahlweise für Menschheit und Umwelt hilfreich oder auch gefährlich sein können. Das Verfassen und die Präsentation von Forschungsergebnissen oder der Austausch untereinander z.B. auf Tagungen, auf denen neue wissenschaftliche Erkenntnisse ausgehandelt werden, gehören dabei nicht durchgehend zu den Vorstellungen eines für diese Berufsgruppe typischen Tätigkeitsbildes.
Kommunikation als Kerngeschäft
Auch wenn forschende Tätigkeiten tatsächlich einen Teil der Arbeit akademisch arbeitender Chemikerinnen und Chemiker ausmachen, spielen die Dokumentation und Kommunikation von Forschungsansätzen und -ergebnissen eine fundamentale Rolle [1], sei es in der eigenen Arbeitsgruppe, in zunehmend bedeutsamen Verbundforschungsprojekten (Sonderforschungsbereiche oder Exzellenzcluster der DFG), auch in der Öffentlichkeit, die Forschung finanziert (sogenannte „Ö-Projekte). und natürlich auf Tagungen.
Fachspezifische Kommunikation auf wissenschaftlichen Tagungen
Auf den regelmäßig stattfindenden Fachtagungen werden dem wissenschaftlichen Kolleginnen- und Kollegenkreis das methodische Vorgehen bei Synthesen und Analysen sowie die Ergebnisse der Forschungsarbeit präsentiert und zur Diskussion gestellt. Beispielsweise sind in der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) über 31.000 Mitglieder in 29 Fachgruppen organisiert, die sich jährlich treffen, um miteinander zu kommunizieren.
Prinzipiell können bei einer Tagung sämtliche Aspekte auf den Prüfstand kommen, die die Gültigkeit, aber auch die grundlegende Zielstellung und Ausrichtung einer Arbeit betreffen. Die Gültigkeit chemischer Erkenntnisse ergibt sich nicht einfach nur anhand konkreter Messdaten, vielmehr stellt der Erkenntnisgewinn einen sozial geregelten und fachlich fundierten, kollegialen Aushandlungsprozess dar: Forschungsdesigns und -ergebnisse müssen transparent, datengestützt, fachlich adäquat und fachsprachlich präzise dargestellt und einem Auditorium von Fachleuten präsentiert werden, das dazu anschließend kritisch Stellung nimmt, ob und inwiefern die präsentierten Ergebnisse einen Neuartigkeitswert besitzen und ausreichend valide sind.
In diesem Diskussionsprozess stehen letztlich die Sinnhaftigkeit des Vorgehens, die Gültigkeit der Ergebnisse sowie die Möglichkeit zur Replikation im Mittelpunkt. Auch die Bewertung von empirischen Daten aus Messungen oder Beobachtungen spielt eine zentrale Rolle. Zu den in diesem Prozess gestellten Fragen gehören: Warum wurde gerade dieser Synthese- oder Analyseweg eingeschlagen? Wie glaubhaft ist ein postulierter Reaktionsweg? Welche chemischen oder physikalischen Methoden oder Modelle wurden bemüht? Sind sie passend gewählt und wurden sie validiert? Wie viele Proben wurden untersucht? Sind die Ergebnisse plausibel? Wurden störende Einflussfaktoren berücksichtigt? Wurde dieses Vorgehen schon einmal von anderen Arbeitsgruppen umgesetzt, oder wird hier Forschungsneuland betreten?
Die präsentierenden Forscherinnen und Forscher müssen ihr Vorgehen verteidigen und darstellen, warum sie glauben, dass ihre Ergebnisse valide sind, indem sie in ihren Argumentationen die gewonnenen empirischen Daten mit theoretischen Modellen verknüpfen und so das fachkundige Publikum zu überzeugen versuchen.
Die Tagungsmethode
Die grundlegende Idee der Tagungsmethode besteht nun darin, den beschriebenen Prozess der Präsentation und Verteidigung von...

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