5. – 12. Schuljahr

Bernhard Sieve und Frank Hilker

Wie sag ichs meinem Kinde?

Die Tücken (mit) der chemischen Fachsprache

„Das H im HCl geht vom Chlor weg zum O im Wasser, denn das HCl ist eine Säure so die Aussage einer Schülerin der 10.Klasse zur Beschreibung des Protonenübergangs zwischen Chlorwasserstoff- und Wasser-Molekülen. Auch der Oberstufenschüler, der den Aufbau eines Glucose-Moleküls mit den Worten „Glucose besteht aus Cs, Hs und Os beschreibt, benutzt die chemische Fachsprache augenscheinlich fachlich nicht angemessen. Beispiele wie diese finden wir täglich im Chemieunterricht. Die sichere Anwendung der Fachsprache der Chemie stellt für Lernende offensichtlich eine mitunter große Hürde dar. Für die nachhaltige Vermittlung von Chemie und für eine Kommunikation über Chemie auf höherem Niveau ist die Verwendung der Fachsprache jedoch unerlässlich, denn sie sorgt durch ihre Normierung für Klarheit und Prägnanz. Zudem stehen fachliches Lernen und sprachliches Lernen miteinander in wechselseitiger Beziehung [1]: Nur wenn Lernende und Lehrende möglichst exakt das benennen (können), was sie meinen, besteht die Chance für alle, die gemachten Aussagen inhaltlich für sich selbst lernwirksam werden zu lassen. Häufig spiegelt die verwendete Sprache die bei den Lernenden vorhandenen Vorstellungen wider, weshalb Probleme in den fachsprachlichen Kompetenzen somit auf fachlich nicht angemessene Vorstellungen zum Lerngegenstand hinweisen können [ebd., S.224]. Daher gilt es auch im Chemieunterricht, die Lernenden zur sachgerechten Anwendung einer schriftnahen Standardsprache (Bildungssprache) und der jeweiligen Sprache im Fach (Fachsprache) zu befähigen, zumal Studien zeigen, dass der Bildungserfolg von Schülerinnen und Schülern maßgeblich von ihren bildungs- und fachsprachlichen Kompetenzen abhängt [2 – 4]. Hinzu kommt speziell für das Fach Chemie die Arbeit auf unterschiedlichen Repräsentationsebenen (vor allem der Stoff- und der Teilchenebene). Die exakte Benennung der Teilchenarten und -strukturen ist Voraussetzung für erfolgversprechende Lernprozesse in dieser für die Lernenden anspruchsvollen und abstrakten Dimension.
Doch wie kann die Begriffsbildung und das Fachsprachenlernen konkret im Unterricht unterstützt werden? Der vorliegende Artikel will hierzu Hilfen geben. Anknüpfend an das Heft Nr. 168 „Sprachsensibel unterrichten fokussieren die Beiträge in diesem Heft auf Fachsprachenerwerb an sich sowie auf Fragen der fachlich und fachdidaktisch begründeten Auswahl von Fachworten. Der zentrale Leitgedanke ist dabei, dass man als Lehrkraft erst sprachsensibel agieren kann, wenn man selbst in Bezug auf die Verwendung der chemischen Fachsprache sattelfest und hinreichend sensibilisiert ist.
Die Sprachen im Chemieunterricht
Die Akteure im Chemieunterricht bedienen sich wie in jedem Unterricht verschiedener Formen von Sprache, die sich in ihren Merkmalen unterscheiden. Den Katalog an sprachlichen Mitteln, die eine Sprachform kennzeichnen, bezeichnet man als sprachliches Register. Grob klassifiziert man in Alltagssprache, Bildungssprache und Fachsprache (Wissenschaftssprache). Hinzu kommen Mischformen, wie die konkret von Lehrkräften im Unterricht verwendete Unterrichtssprache (syn. Schulsprache, Lehr-Lern-Sprache). Diese Sprache des Lehrens ist eine didaktisierte Sprachform und hat u.a. die Funktion, die Brücke von der Alltagssprache zur Fach- und Bildungssprache zu bilden [5]. Die Kennzeichen dieser Sprachformen zeigen Tabelle1 sowie beispielhaft Abbildung1 . Bildungs- und Fachsprache nutzen sehr ähnliche sprachliche Register und sind untrennbar mit Begriffsbildung und Wissenskonstruktion verknüpft sowohl im schulischen Kontext als auch in der Wissenschaft [6, S.74ff.] (s. auch Kasten1). Die allgemeinen Merkmale der Fach- und Bildungssprache auf der Ebene des Wortschatzes, der Wortbildung und des Satzbaus sind bereits mehrfach beschrieben worden (z.B. [7, 8, 9]).
1| „Laborjargon
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